Folge 1 – Wird er, der die Wahrheit sucht, bestraft werden, für das, was er finden wird?

Folge 1 – Wird er, der die Wahrheit sucht, bestraft werden, für das, was er finden wird?

13.45 Uhr. Das Rot der Uhrzeitanzeige des alten Funkweckers gab ein gespenstiges Licht von sich. Es war zwar helllichter Tag, aber dennoch waren die Vorhänge des Hotelzimmers zugezogen und nur wenige Lichtstrahlen drangen durch den alten, zerschlissenen Stoff durch. Es schien wie eine Szene aus einem alten Film und der Mann, welcher in dem kleinen Raum auf und ab ging, vollendete dieses Bild, das man wahrlich einen Moment nur der Zuschauer eines Filmes war.

Sofia und LJ saßen auf dem Bett, verfolgten Lincoln, welcher noch immer wie ein aufgeregtes Tier im Raum auf und ab ging, mit den Augen. Niemand der beiden traute sich auch nur zu tief Luft zuholen, hatten sie doch vor etwa 2 Stunden das Spektakel mitgemacht, was dieses auslöste. Sie verstanden ihn ja, konnten nachempfinden, was er durchmachte, aber sie trugen doch keine Schuld daran, oder dachte er das wirklich?

LJ hatte wirklich Mühe, das Husten, welches sich seinem Hals heraufschob, zu unterdrücken. Als dieses jedoch nicht mehr möglich war, blickte er entschuldigend zu seinem Vater, der mehr aus Reflex, als aus ehrlichen Gefühlen, vernichtend zu seinem Sohn sah. Schnell wurden die Gesichtszüge des älteren Mannes wieder weich, ehe er seinen Weg, die unsichtbare Linie im Hotelzimmer, wieder aufnahm.

Sofia wandte den Blick erneut zu LJ, der nur unwissend mit den Schultern zuckte. Was sollten sie tun? Ein Wort sagen wäre jetzt falsch, aber nichts tun, das fühlte sich auch nicht wirklich besser an.

Dann blieb er stehen. Abrupt, als wäre dort eine Mauer, gegen welche er nun gelaufen war. Langsam wandte sich der Kopf Lincolns zum Fenster, blickte durch den winzigen Spalt, den ein Loch in der Gardine innehielt nach draußen und formte die Augen zu zwei schmalen Schlitzen. Man musste ihn nicht kennen oder gar eine große Menschenkenntnis haben, um zu wissen, dass irgendetwas just in diesem Moment in den freien Fall geraten war und nur noch auf den Aufprall wartete – welcher auch sofort folgte.

Der Schrei, den der Mann losließ, hallte von den Wänden wieder, ummantelte jedes menschliche Wesen in diesem Raum, fuhr direkt in Mark und Gebein, aber wirklich Zeit darauf zu reagieren hatten die beiden anderen nicht, denn Lincoln ließ der Wut ein weiteres Mal freien Lauf und riss mit dem Arm die Dinge von dem Tisch, der neben ihm stand. Es ging alles schnell, fast zu schnell, als dass es das menschliche Gehirn verarbeiten konnte und in diesem Moment, da hatte der Mann bereits die Jacke gegriffen, die vor dem unnachgiebigen Regen Panamas schützen sollte und war auf den Weg gen Tür, um das Hotel zu verlassen.

„Dad?“, rief LJ ihm hinterher, aber da war er bereits aus der Tür und schlug diese mit Kraft zu, dass es den Anschein machte, dass sein Sohn und Sofia in dem Zimmer gefangen wären. „Was sollen wir tun? Denkst du…?“, sprach Sofia zu LJ gewandt, der ihren Satz jedoch nur mit einem Nicken beendete. „Er sucht ihn. Er sucht ihn bestimmt.“ Beide nickten kurz und sahen sich dann ein wenig hilflos in dem Zimmer um. Die Frage war jetzt nun, was sollten sie tun?

Szene 2 – Irgendwo auf einem Highway in Amerika

Der Motor hörte sich nicht mehr wirklich gut an. Es waren Geräusche, die wohl jeden Autotüftler den Schweiß ins Gesicht treiben würde, aber Michael Scofield gehörte nicht zu den Leuten, die nur am Geräusch erkennen konnten, was dem Auto fehlte. So war es nicht verwunderlich, dass er das Gaspedal noch ein Stück mehr runterdrückt, was der Wagen mit einem Ächzen kommentierte.

Der Blick des Mannes war starr auf die Straße vor sich gehalten, doch sah er nur jenes, was er sehen wollte: den dunklen Asphalt, der ein wenig wegen des unaufhörlichen Regens verschwamm. Regen. Er freute sich über dieses, war es doch eine gelungene Abwechslung zur unnachgiebigen Sonne Panamas, obwohl er Regen dort auch kennen gelernt hatte, aber es dort, in dem Moment, leider nur wieder dafür sorgte, dass er Kopfschmerzen bekam, da es den Plan durcheinander bringen würde. Der Plan. Es war das zweite Mal, dass er erfolgreich jemanden aus einem Gefängnis gebracht hatte und es war eine innere Befriedigung, dass er seinen Fehler von Fox River wieder gut gemacht hatte: Theodore Bagwell war noch immer in Sona und das entlockte den Mann ein kurzes, kaum merkliches Lächeln, aber wer sollte es auch sehen, niemand war weit und breit hier.

Aus den Augenwinkeln sah er das Straßenschild, welches ihm erklärte, das er so eben San Diego erreicht hatte und als er den Blick von dem Asphalt nahm, zeichnete sich bereits die Stadt einige Meilen in der Ferne ab. Der Fuß wurde vom Gaspedal genommen und mit Kraft auf die Bremse gedrückt, dass der Wagen unter diesem abrupten Wechsel erneut ächzte, aber dennoch zum stehen kam. Die Hände noch immer an dem Lenkrad haltend, als würde sein Leben daran hängen, sah der Flüchtige auf die Stadt. San Diego. Los Angeles wär nicht mehr weit, das wusste. Vielleicht 1 oder 2 Stunden. Mehr nicht.

Ohne dass Michael es steuerte, begannen die Finger der rechten Hand auf dem Lenkrad zu trommeln. Nervosität? Er wusste es nicht, konnte das, was gerade an Emotionen in ihm hausten. Wie ein Schlag kam die Erinnerung von vor einigen Stunden zurück und je mehr er sich dagegen wehrte, umso mehr schien sie Kraft zu bekommen, jegliche anderen Gedanken zu verdrängen.

Szene 3 – Rückblende

„Du willst das also wirklich machen, ja?“ Man sah es Lincoln an, das er wirklich in diesem Moment mit sich kämpfte, was besonders deutlich wurde, dass die Füße unruhig hin und her tippelten und er das Gesicht immer wieder neu verlagerte. Die Hände wurden unruhig geknetet, als er weiterhin seinen kleinen Bruder musterte. „Michael, das ist…“ Der Blick des Jüngeren reichte aus und brachte Lincoln zum schweigen. „Wir hatten das schon, Linc. Ich werde nach Los Angeles fahren.“

Es war kein Geheimnis, dass sich Lincoln des Öfteren von den momentanen Gefühlen, wenn sie nur heftig genug waren, leiten ließ und dieser Moment war nicht anders. Dieser Moment war wie einer von vielen. „Verdammt, Michael. Das ist Selbstmord. Die warten doch nur auf dich.“ Die Stimme des Älteren hob sich, wurde lauter und er zeigte in eine fiktive Richtung, welche wohl im übertragenen Sinne den Weg nach Los Angeles zeigen sollte. Doch sie wären nicht Brüder, wenn sie nicht einige Dinge gleich hätten und auch Michael wurde just in diesem Augenblick lauter, als er seinem Bruder antwortete. „Dann sollen sie warten.“ Beide Männer schienen überrascht über diesen Ausbruch, der wohl all die Wut, die Enttäuschung und die Verzweiflung der letzten Wochen mit sich trug. „Sie werden sowieso kommen, Linc. Sie werden…“ Die letzten beiden Worte verloren sich im nichts, da er die Stimme schon wieder senkte und Lincoln den Rücken zu drehte. „Ich werde nicht zusehen, wie du dein eigenes Grab buddelst.“ Der Reflex war zu sagen, dass er nicht sein Vater sei, aber allein der Gedanke an diesen, ließ seinen Magen schmerzlich zusammenziehen und die Erinnerung an Bolshoi Booze wieder aufkommen, wie sein Vater im Wagen in seinen Armen gestorben war.

Ein weiteres Zeichen, wie unglaublich erschöpft er von allen diesen Dingen war. „Michael?“ Lincoln sah all dies in seinem Gesicht, konnte jede noch so kleine Furche als das deuten, für was sie stand und die Sorge schien erneut zu wachsen. Natürlich, er war es ihm schuldig, aber er war auch sein Bruder und er hatte sich immer um ihn gesorgt, wenn auch oft auf seine eigene Art und Weise. „Michael. Bitte.“ Flehend waren die Worte des älteren Bruders, ein Laut, den man so selten von ihm hörte und wenn nur ein ausgewählter Kreis. „Ich gehe nach Los Angeles und ich werde sie finden.“ – „Michael, verdammt nochmal. Denk nach, bitte.“ – „Ich werde hinfahren. Komm mit oder das hier wird ein Abschied.“

Stille.

Blicke, die all das sagten, was nun nicht mehr gesprochen wurde, wechselten die Besitzer. Ein Abschied. Ein Abschied war nichts Gutes, das war ein schlechtes Omen, das hatten nun beide im Kopf. Die Blicke wurde genommen vom Gegenüber, war man doch nicht mehr wirklich in der Lage, einander anzusehen. Michael begann nervös die Hände zu kneten, sah abermals zu seinem Bruder, der wohl gerade krampfhaft versuchte, die Sache mit dem Abschied positiv zu reden, welcher versuchte, den Abschied nicht als das anzusehen, was er war: die Option, dass er seinen Bruder nicht mehr lebend sehen würde.

Dieser Moment wurde genutzt, sodass Michael die Tür zum Wagen aufmachte und einstieg. Nur den Bruchteil einer Sekunde verharrte er hinter dem Lenkrad, ehe er den Gurt nahm, sich anschaltete und den Motor startete. Er hörte Lincoln nicht, der nun eine Mischung aus wütenden und flehenden Worten in seine Richtung schickte. Sein Blick galt für diesen Moment seinen Neffen, der auf eine unwirkliche Art zu verstehen schien, dass er dies machen muss. Es war ein kurzes, aber ehrliches Lächeln, was sich auf Michaels Züge legte, als er die Hand zum Abschied hob, was von LJ erwidert wurde, ehe er den Wagen von dem Parkplatz fuhr und seinen Weg gen Los Angeles einschlug.

Szene 4 – Los Angeles, ein Haus

Es hatte etwas Beruhigendes, als er den Wagen auf den Parkplatz lenkte. Los Angeles. Die letzten Stunden waren für Michael nicht mehr präsent, als hätte er sie nicht in seinem Körper erlebt. Er konnte nicht sagen, welchen Highway er genommen und wo er die Stadt betreten hatte. Er war einfach da und das war alles, was zählte.

Der Motor wurde abgeschalten und er lehnte sich auf dem Fahrersitz zurück, schloss für einen Moment die Augen und genoss die Ruhe, welches nur hin und wieder von einem Knacken des heißen Motors unterbrochen wurde. Wie eine Gewitterwolke wollten sich die Eindrücke und Erlebnisse der letzten Wochen in seine Wahrnehmung drängen, aber so sehr, wie man Regenwolken kommen sah, so gerne wollte er diese jetzt haben. Es schien jedoch auch, dass sein Unterbewusstsein just in diesem Moment all das verarbeiten wollte. Lincolns verhinderte Hinrichtung. Die Flucht. Den Tod seines Vaters. Bill Kim. Sona. Saras Tod. Einfach alles. Michael wollte es nicht zu lassen, aber er hatte keine Kraft mehr, sich dagegen zu wehren.

Der Kopf des Mannes schlug zwei, drei Mal auf das Lenkrad, um den seelischen Schmerz, der seinen Körper betäubte, durch einen anderen abzulenken, aber das Ergebnis war gleich null und er ließ den Kopf einfach auf dem warmen Leder liegen und schloss die Augen. Er spürte, wie seine Augen ein wenig zu jucken begannen, als sich diese mit der heißen, salzigen Flüssigkeit füllten. Gerne hätte er sich jetzt einfach irgendwo verkrochen und den Impuls frei gelassen. Aber er musste jetzt stark sein, so wie er immer der Starke war, das war er allen schuldig, die unter dieser Sache leiden mussten und besonders Sara. Sara. Michael schluckte hart, als sich der Knoten in seinem Hals wieder formte und ihn für einen Moment die Luft nahm. Er hatte doch nur diesen einfachen Plan, so simpel in der Ausführung, mit ihr die nächste Zeit zu verbringen und sie kennen zu lernen. All das, was jetzt schon vorhanden war zu vertiefen und vielleicht die Gewissheit zu haben, dass dies die Frau seines Lebens sein könnte.

Dies hatte man ihn doch genommen, innerhalb von nur wenigen Minuten diesen kleinen Traum vom perfekten Leben. Das Leben, sein Leben, war zerstört wurden und das nur, weil er seinem unschuldigen Bruder helfen wollte. Etwas Gutes tun und jetzt wurde er bespracht dafür? Ein leises, jedoch von der Verzweiflung des Mannes getriebenes Lachen trat über seine Lippen. Wie Gandhi, pochte es in seinem Kopf und er war an den Moment erinnert, wo er Sara das erste Mal traf.

Michael fuhr sich mit den Händen übers Gesicht, schob somit die Gedanken weg, die ihn so quälten, und nahm den Zettel von dem Armaturenbrett, den er dort hingeklebt hatte, mit der Nachricht eines Freundes seines Vaters: Wenn du Hilfe oder Geld brauchst, meld dich bei dieser Adresse. Er kennt dich, keine Sorge.

Einen Moment hielt er den Zettel noch in der Hand und blickte auf das Haus, auf wessen Parkplatz er gehalten hatte, ehe er ausstieg und auf die Tür zu ging. Nur für einen Moment war dort der Gedanke, dass es irgendwie eine Falle sein konnte, aber er vertraute dem Freund seines Vaters und drückte auf die Klingel.

Von drinnen hörte er eine Stimme, die ihm auf eine groteske Art und Weise bekannt vorkam, aber sein Kopf gab ihm bereits die Antwort, dass es diese Person nicht sein konnte, denn er hatte doch gehört, dass sie tot sein sollte. Als sich die Tür öffnete, wollte Michael einen Moment seinen Augen nicht trauen, schüttelte unmerklich den Kopf, nur um sicher zu sein, dass dieser Moment real war. „Du bist spät.“, sprach der ehemalige Secret Service Agent und lehnte sich in den Türrahmen. „Paul.“ Michael nickte leicht zur Begrüßung und erneut waren die Zweifel präsent, dass dies hier nicht mit rechten Dingen zu gehen kann, aber Kellerman verstand und nickte etwas enthusiastischer. „Ich glaube nicht, dass wir die Zeit haben uns jetzt zusammenzusetzen und bei einer Tasse Kaffee über die letzten Wochen reden können.“ Das Schmunzeln des ehemaligen Secret Service Agenten hatte eine Spur Süffisanz, denn er wusste, dass Michael die Frage, was passiert war, auf seiner Zunge hatte. „Kaffee wäre aber gut.“ Der Mundwinkel Michaels hob sich leicht. „Das, was du brauchst, Scofield, ist eine Dusche und frische Kleidung. Dann gibt es den Kaffee.“ Er folgte Paul in das Haus. Ja, sie kannten sich, die Frage war nur, ob die Basis für das ausreichen würde.

Szene 5 – Sona

Oh, man sollte jetzt nicht denken, dass Theodore Bagwell die Stellung von Lechero eingenommen hat, das wäre doch viel zu früh, aber der Gedanke, dass dies irgendwann passieren würde, ja, dieser gefiel ihm schon. Er hatte etwas geschafft, was wohl der Mann vor ihm schon lange schaffen wollte, es aber nicht wirklich in die Hand bekam: es war ein Gleichnis in Sona und jeder stand auf derselben Stufe. Gut, Theodore stand noch ein Stück weiter oben, denn er war es, der dieses Gleichnis unter jene wilden Häftlinge brachte.

Allein dem eigenen Stolz wegen, hob sich das Kinn des Mannes etwas und er strich sich mit den Fingern über das Kinnbärtchen, als er mit dem Rücken an der Säule lehnend, über die anderen Insassen blickte. Es war fast schade, dass er nicht mehr so lange vorhatte, hier zu bleiben, um all diese Dinge weiter zu beobachten. All dies war ihm würdig und dies strahlte die Figur nun aus, als er sich elegant von der Wand stieß und einer Raubkatze gleich durch die Mitinsassen schlich und leise ein Lied zu summen begann, was wohl wenige hier kannten, was eine weitere Schande war. Wirklich schade, dass der Hübsche nicht hier geblieben war, um sich dieses Schauspiel anzusehen.

Ein paar Häftlinge grüßten ihn, nicht so, wie sie Lechero gegrüßt hatten, denn dieses war mehr mit Angst verbunden, doch Theodore bekam Respekt, wonach er regelrecht gierte, aber nicht, weil er es für sich selbst brauchte, er war besser, er brauchte es für seinen Plan. Er hatte es schon einmal geschafft, aus dem Gefängnis auszubrechen, ohne die Hilfe des Hübschen, warum sollte er es hier nicht auch noch einmal schaffen? Andere schafften es auch.

Er ging die Treppe empor und steuerte direkt auf Bellick zu, welcher an der Balustrade stand und mehr die Figur eines römischen Kaisers verkörperte, obwohl es ihm nicht zustand. Gut, wenigstens hatte Theodore dafür gesorgt, dass er neue Klamotten trug, immerhin war es dies etwas gewesen, was selbst ihn abgestoßen hatte, und das wirklich nicht etwas, worauf man stolz sein konnte. „Und was machen wir heute, Theodoro?“ Theodores Augen formten sich zu Schlitzen, als er mit der noch gesunden Hand nach dem Kragen Brads Griff und ihn, außerhalb der Sicht der anderen, gegen die Wand drückte, die vorher den Weg in Lecheros Räume gezeigt hatte. Zischend zog der Kleine der Beiden die Luft zwischen die geschlossenen Zähne, worauf er mit der Zungenspitze über seine Oberlippe strich. „Respekt, Brad, ist ein hohes Gut.“ Er tätschelte den runden Bauch des ehemaligen Wärters und ließ diesen dann wieder los. „Und nenn mich nie wieder so.“

„Wasser?“ – „Ja.“ – „Wasser?“ – „Ja.“

So ging es jetzt seit mehr als eine halbe Stunde und Fernando stand noch immer in der Schlange, hielt den verschmutzten Plastikbecher in der Hand wie einen Schatz, als würde sein Leben davon abhängen. Immer wieder, als wäre er noch immer auf der Flucht, sah der Puerto-Ricaner über seine Schulter und die frischen Blessuren in seinem Gesicht sprachen von den Dingen, vor denen er wirklich flüchten wollte. Gewiss, er hatte ein wenig den Vorteil, dass er spanisch sprach und sich somit verständigen konnte und vor allem vorher wusste, wenn sie ihre momentanen Pläne, wer schikaniert werden sollte, auf dieser Sprache abarbeiteten, aber glücklich war er darüber auch nicht wirklich. „Wasser?“ – „Ja.“ Fernandos Herz begann zu rasen, denn er schrie regelrecht nach nur einem Tropfen Wasser. Da war mehr das Gefühl, langsam zu vertrocknen, als zu leben. „Eso no va por ti.“ Damit bist nicht du gemeint.

Er nickte als Antwort, hielt seinen Becher weiter in der Hand und stellte sich wieder ans Ende der Schlange – zum dritten Mal jetzt.

Theodore schaute auf, als sein Name durchgerufen wurde und der Zusatz, dass er einen Besucher hatte. Es musste Mary sein, das war im klar. In einer unsäglich anzüglichen Bewegung, erhob er sich von dem Sessel und schlenderte in Richtung des Besucherzauns, musste jedoch einen Moment blinzeln, da die Sonne hier gerade direkt raufschien. Vorteil oder Nachteil, das musste jetzt jeder selbst entscheiden, der Vorteil war nur, dass er somit den Besucher nicht sofort erkannte – und so erst einmal direkt an den Zaun muss und was er dort sah, das missfiel ihm auf eine Art und auf der anderen amüsierte es ihn ungemein. „Sie an, der Vogelforscher, oder Fischer oder was sind das für Dinge hier drin.“ Theodore zog das Vogelbuch aus seiner Hosentasche und hielt es James einen Moment hin. „Gib es mir.“ Der Mann auf der anderen Seite des Zaunes schien nicht lange zu fackeln und blickte Theodore direkt an. „Nein, nein. Wir machen das anders, du hast…“ Whistler fiel ihm direkt ins Wort. „250.000 Dollar.“ Es war wirklich ein Überraschungsmoment, denn T-Bag verharrte wirklich einen Moment und sah sein Gegenüber direkt an. „Das klingt schon besser.“ – „Du gibst mir das Buch, jetzt und kriegst das Geld, wann immer du möchtest.“ Der Häftling tippte mit der Buchkante leicht gegen sein Kinn, als müsste er wirklich darüber nachdenken. „Ich hab eine andere Idee.“ Das Grinsen des Mannes wurde süffisanter. „Ich geb dir das Buch, aber vorher holst du mich hier raus.“ James begann leicht zu grinsen, blickte über seine Schulter auf den silbernen Wagen, welcher in der Sonne wartete und sah wieder zurück zu dem Häftling. „Ich denke, da können wir was arrangieren.“

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