Szene 1 - Sona
Wieder war das Bedürfnis auf Theodores Seite, ein kleines Liedchen zu summen, nein, noch besser, zu singen. Die eh schon vorhandene gute Laune steigerte sich nur noch mehr, wenn er darüber nachdachte, dass er bald diese Mauern hier verlassen würde. Nicht, dass er es so schlecht hier fand, er mochte es nur nicht gerne eingesperrt zu sein und draußen waren noch einige Dinge, die dringend geklärt werden mussten – besonders die Tatsache, warum man ihn als Versuchsratte missbraucht hatte. Die Kugel, welche Lechero niederstreckte, die hätte auch ihn treffen können und warum sprach die leise Stimme in seinem Kopf davon, dass der Hübsche genau das geplant hatte.
Irgendwie war ihm jetzt nicht mehr nach singen und die Gesichtszüge Bagwells verzogen sich angespannt, zu einer nicht amüsierten Maske. Er musste sich dringend mit Scofield unterhalten, nur um klar zustellen, dass er da nichts falsch verstanden hatte. Es musste doch einen Grund geben… Amüsiert zogen sich die Mundwinkel des Südstaatlers empor. Versuchte er gerade wirklich einen Grund zu finden, Michael keine Manieren beizubringen? Sona hatte ihn doch etwas verändert, aber das, was vorher da gewesen war, das krauchte langsam wieder empor und die Wut, der Hass auf den tätowierten Mann wuchs wieder. Er musste sich wirklich dringend mit ihm unterhalten und siehe da, er hatte wieder Lust zu singen.
Brad Bellick stand auf dem Balkon vor Lecheros Räumen und beobachtete T-Bag, wie dieser, einem König gleich, über den Platz in der Mitte des Gefängnisses ging. Irgendetwas hatte sich in den letzten Minuten verändert an dem Mann. Nicht, dass der andere nicht vorher schon gute Laune hatte, nun schien sie widerlich aus allen Poren zu triefen und Brad ahnte, dass etwas vor sich ging, dass der Besuch, den Bagwell empfangen hatte, mit Sicherheit damit zu tun hatte. Er musste herausfinden, um was es ging, was das Gespräch beinhaltete. Man konnte es sechsten Sinn nennen oder einfach den Drang, aus diesen Mauern zu entfliehen, denn auch er wurde von Scofield reingelegt und dies war ebenso eine Sache, die dem Ex-Wärter ziemlich schwer im Magen lag. Er wusste jedoch auch, dass er subtiler vorgehen musste, denn wenn er direkt diese Sache ansprechen würde, würde jegliche Antwort im Keim erstickt werden, er musste einen anderen Weg finden und dieser offenbarte sich im auch sofort.
Fernando hatte sich von den Gruppierungen der anderen Häftlinge abgesetzt und hatte einen Platz gewählt, der nur selten als Durchgangsweg von anderen benutzt wurde. Ein ruhiger Ort, wie er nun erfahren durfte, ein Platz, wo man ihn in Ruhe ließ. In Fox River war es anders. Es war nicht so, dass er dort großen Anschluss fand, irgendeiner Gruppe beigetreten war und somit Einfluss bekam, das war nicht das, was er wollte. Leben und leben lassen. Dieser Satz setzte sich gerade in seinem Kopf fest und war eigentlich genau das, was er wollte. Nein, eigentlich wollte er etwas ganz anderes und allein dieser Gedanke senkte die Laune des Puertoricaners erheblich, denn ungewollt – er wusste, dass diese Gedanken nicht vorteilhaft waren – begann er wieder an Maricruz zu denken. Er wollte wirklich gerne wissen, was sie jetzt machte, wie es ihr mit der Schwangerschaft ging. Dort war die Frage, ob man das Baby schon spüren konnte, wenn man die Hand auf den Bauch legte, ob der Junge, denn es musste ein Junge werden, fleißig zu treten begann. Ein fast schon verträumtes Lächeln legte sich auf seine Züge, ehe diese unterbrochen wurden und eine Stimme, die er eigentlich nicht hören wollte, sich in seine Gedankenwelt schob.
„Mi Amigo…“ Bellick trat vor Sucre, machte jedoch keine Anstalten, sich zu diesem herunter zu beugen, genoss die Bedeutung, dass er symbolisch nun über ihm stand und auf ihn herabblickte. „Was willst du?“ Sucre sah nur einen Moment zu dem Mann auf und blickte dann wieder auf seine Hände, die locker über die angewinkelten Knie lagen.“ – „Was hältst du davon, wenn wir hier verschwinden?“ Es war, als würden zwei Leute in Sucre zu reden beginnen. Der eine begann zu schreien, dass er an nichts anderes denken konnte, dass er natürlich hier raus wollte. Der andere jedoch, der Vernünftigere, schien die Sache zu verstehen. Er sollte Bellicks Spielball werden, dass verstand er schnell, aber da schob sich bereits Maricruzs Gesicht wieder in seine Sicht. „Was willst du?“ – „Alles, was du tun musst, ist dich an Bagwells Fersen heften. Er plant irgendetwas, du bekommst es raus und wir beide verschwinden hier.“ Es klang nicht schlecht und ach, wenn es vielleicht ein untypischer Gedanke für Sucre war, wer hatte gesagt, dass er sich nicht an Bagwells Fersen hängen konnte und Bellick am Ende hier lassen? Er lächelte leicht und nickte nur als Antwort.
Szene 2 – Eine Bar in Panama
Das Freizeichen bedeutete schon einmal, dass sich die Nummer nicht geändert hatte. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass alles so klappen könnte, wie er sich das vorstellte. Nervös, besonders, da das Freizeichen dies nicht minderte, klopfte James mit den Fingern auf den Kopf des Telefons und zählte im Stillen die Wählgeräusche mit. Es waren zu viele, er hätte schon längst abheben sollen.
„Und was tust du, wenn wir wieder in Amerika sind?“ Ein wirklich mieser Versuch, fand Alexander, den Susan da an den Tag legte, um ein Gespräch zu beginnen. Er wollte ihr nicht antworten, wollte kein Gespräch mit ihr, wusste aber auch, dass er den Schein bewahren musste, dass er die Frau bei Laune halten musste, bis sie am Ziel waren. Vielleicht hätte es viele Dinge einfacher gemacht, würde man sie sofort entsorgen, nicht gleich umbringen, aber aus dem Weg räumen, dennoch hätte es auch gleichzeitig mehr Probleme aufgeworfen. Susan konnte man in diesem Fall wohl als eine Art Trojanisches Pferd bezeichnen. Eine Frau, die nur Teil des Teams war, weil sie gewisse Vorteile hatte, die er und James nicht hatten. „Oh, zu deiner Familie, oder?“ Er kam nicht einmal dazu, Susan zu antworten, weil sie ihm die Antwort bereits abnahm und dies mit einem Unterton, als würde sie das wirklich amüsieren, dass man eine Familie hatte, um welche man sich Sorgen machte. Alexander nickte, griff erneut nach dem Glas Soda und trank einen großen Schluck daraus. Diese Hitze würde ihm noch das Letzte abverlangen. Er war kein Mensch, der so etwas lange aushielt. Gewiss, er mochte die Sonne, aber nicht in der Fülle, wie sie hier unten vorkam. „Komm schon…“, sprach Susan weiter und berührte leicht Alexanders Unterarm. „… sei nett und unterhalt dich etwas mit mir.“ Sie wollte kein Gespräch, das war ihm klar, sie wollte nur ein weiteres Machtspielchen, um ihnen zu zeigen, wer das Sagen hatte – doch das hatte sie nicht, sie dachte es nur.
„Ja?“ Eine verschlafene Stimme meldete sich auf der anderen Seite der Leitung und James blickte auf die große Uhr über sich, rechnete kurz aus und wusste, dass er wirklich jemanden aus dem Schlaf gerissen hatte. „Tut mir Leid, Zeitverschiebung.“ – „Mhmh, schon okay. Was willst du?“ James hatte diesen Mann noch nie in seinem Leben gesehen, nur mit ihm telefoniert, aber dieser merkwürdige Akzent aus britischen und russischen Wurzeln war einfach nicht zu verwechseln. „Ich brauch deine Hilfe.“ – „Nein, wirklich?“ Ein kehliges Lachen trat über die Lippen des Russen, ehe man das Aufklacken eines Feuerzeuges hören konnte. „Wäre ich jetzt nicht drauf gekommen.“ Man biss nicht in die Hand, die einen fütterte und man verärgerte ebenso nicht denjenigen, der einem helfen sollte. „Wo bist du?“ – „Nicht hier.“ James knirschte leicht mit den Zähnen. Er hatte keine Zeit und der Mann auf der anderen Leitung reizte seine Nerven gerade enorm. „Dann komm her.“ – „Ich hasse diese Bar in Panama.“ Es war nur ein flüchtiger Moment, wo James drüber nachdachte, woher er wusste, wo er war, aber diese kurze Pause reichte aus, dass er bereits die Antwort bekam. „Münztelefon. Ich seh die Nummer auf meinem Display und was denkst du, dass jeder Vollidiot hier anrufen kann?“ Man merkte es bereits am dominierenden Akzent, dem Russischen, der sich wieder in den Vordergrund schob, als der Mann an der anderen Leitung etwas wütender wurde. „Gary, wir machen das anders. Ich schick dir jemanden. 26 Stunden. Los Angeles. Du weißt wo.“ Wusste er nicht, also nicht auf Anhieb, doch ehe er antworten konnte, hörte er wieder das Freizeichen in der Leitung und hielt den Hörer noch einen Moment fest.
„Noch etwas zu trinken, Miss?“ Unschuldig, ja, fast niedlich, lächelte Susan dem Kellner entgegen und verneinte dies, erhob sich in dem Moment, als sie sah, dass James den Hörer wieder auf die Gabel legte, den beiden ein Zeichen gab und in Richtung Ausgang ging. Sie zog einen Geldschein aus ihrer Tasche, legte diesen neben ihr Glas und stieß Alexander leicht am Oberarm an, der darauf aufsah und sich vom Stuhl erhob.
Draußen blinzelten alle ein wenig, denn die Sonne schien jetzt am Höchsten zu stehen und die Augen schmerzten leicht, als man aus der dunklen Bar zurück ans Tageslicht trat. „Und jetzt?“ Es war deutlich in Susans Stimme zu hören, dass ihr die ganze Geschichte viel zu langsam voranging. „Wir müssen nach Los Angeles.“ Knapp fiel die Antwort von James aus, aber er handhabte es ebenso wie Alexander und versuchte die Frau mit so wenig Informationen wie möglich zu füttern und sie auch auf anderen Ebenen auf Abstand zu halten. „Ich besorg die Flugtickets.“ Susan hielt sich ein Taxi an, stieg in dieses und war wenige Augenblicke später mit dem Wagen um die Ecke verschwunden. „Und?“ Alexander blickte den anderen Mann fragend an, der nur leicht mit der Schulter zuckte. „Er schickt jemanden.“ Die Schultern Alexanders strafften sich und er wollte gerade ansetzen, etwas zu sagen, aber James schnitt ihm das Wort ab. „Sag es nicht. Sag’s nicht.“ Das lief nicht wirklich so, wie sie erhofften. Kein Stück.
Szene 3 – Paul Kellermans Haus
Was eine Dusche so auslösen kann, war wirklich faszinierend. Michael fühlte sich fast wie ein neuer Mensch, hatte mit dem Wasser zusammen einige Sorgen abspülen können. Nur mit einem Handtuch um die Hüften gewickelt, betrat er wieder das Wohnzimmer und musste mit einem Lächeln feststellen, dass bereits saubere Kleidung auf dem Platz lag, wo er vorhin noch gegessen hatte und wirklich seinen Kaffee bekommen hatte. Er sah sich einen Moment um, konnte Paul jedoch nicht im Raum sehen, geschweige denn irgendwo im Haus hören. Der Anflug eines schlechten Gefühls machte sich in dem Mann breit und doch schob er dieses fort. Er wollte sich davon jetzt nicht beeinflussen oder sogar beherrschen lassen, das konnte er sich nicht erlauben und wenn es nicht anders ging, dann er musste er eben über seinen Schatten springen und sich zwingen, Paul zu vertrauen.
Michael schob die Kleidung etwas zur Seite und setzte sich auf den Platz, sah auf den Tisch, auf welchem einige Bündel Geld lagen und eine Tasche mit Waffen. Vorsichtig, fast ehrfürchtig strich er mit den Fingern über den Lauf einer schwarzen Handfeuerwaffe und zog die Hand schnell zurück, als er Schritte hörte, die sich dem Tisch näherten. „Und, wie fühlst du dich?“ Paul setzte sich gegenüber von Michael und blickte diesen erwartungsvoll an, der jedoch nur nickte und mit der Antwort etwas wartete. „Besser, danke.“ Und das war nicht einmal gelogen. „Danke… für die Kleidung.“ – „Sie müsste passen, glaube ich.“ Und wenn Paul ehrlich war, war es ihm nicht sonderlich wichtig, ob die Hose jetzt zu kurz war, oder das Hemd zu eng. Es gab Schlimmeres.
Dennoch bemerkte Paul, wie Michael die Sachen auf dem Tisch ansah, als wüsste er nicht, was er damit anfangen sollte. „Ein Teil des Geldes gehört dir und die Waffen, nun, bedien dich.“ Eine Aufforderung, welcher Michael nicht sofort nachkam, sondern eher etwas unschlüssig aufsah zu seinem Gegenüber und dann wieder auf die Waffen. Er zögerte, das war nicht zu übersehen, griff dann jedoch nach einer, jene, die er vorher schon kurz berührt hatte und wiegte sie in der Hand ab. „Kannst du damit umgehen?“ – „Für meine Zwecke reicht es.“ Nie war der Gedanke in Michael fester Bestandteil gewesen, jemanden umzubringen, an diese Sache verlor er keinen Gedanken, aber er wusste auch ebenso, dass er vielleicht an den Punkt kam, wo er nicht mehr zurück konnte und abdrücken musste. „Du weißt -…“ Michael schnitt dem anderen Mann das Wort ab und es tat ihm wirklich etwas leid, dass seine Worte ruppiger über seine Lippen kamen, als er eigentlich wollte. „Ja, ich weiß.“ Paul hob die Hände abwehrend in die Luft und zog die Augenbrauen leicht hoch. „Ganz ruhig. Ich will nur sichergehen, dass du weißt, worauf du dich einlässt.“ Ein schweres Seufzen trat über die Lippen Michaels, als er nickte. Ja, er verstand, leider nur zu gut. Er griff nach den Sachen und erhob sich wieder. „Ich…“ – „Ja.“ Wieder ein einstimmiges Nicken, das man verstand, als Michael wieder ins Badezimmer ging und die Kleidung anzog.
Paul sah ihm hinterher, ehe sein Blick sich zurück legte auf die Waffen. Irgendetwas ging nun in diesem Mann vor, ein innerer Kampf, den er nicht beschreiben konnte. Nervös begann er mit den Fingern an seiner Hose zu zupfen und blickte immer wieder über seine Schulter, als würde er jemanden erwarteten, der nun reinplatzen würde und ihn bei was auch immer überraschte. Aber er tat nichts, er dachte nicht einmal wirklich, versuchte dies tunlichst zu vermeiden. Das Telefon riss ihn aus diesem leicht lethargischen Anfall und jagte ihm einen gehörigen Schrecken ein. Er griff nach dem schnurlosen Telefon neben sich, sah auf die Nummer, die ihm aber nichts sagte und nahm ab. „Ja?“ Im ersten Moment antwortete niemand und Paul wollte erneut die Aufforderung geben, dass die andere Seite sprechen sollte, diesmal nur etwas ruppiger, als sich eine Stimme mit einem starken Akzent meldete. „Ist er noch da?“ Auch, wenn Paul mit dem Anruf nicht gerechnet hatte, nicht wusste, wer an der anderen Leitung saß, er wusste sofort, wen der Unbekannte meinte. „Ja.“ Erneut sah der ehemalige Secret-Service Agent über seine Schulter, wieder die Angst im Nacken, jemand würde erneut reinplatzen und ihn wirklich bei diesem Gespräch ertappen. „Gut, gut. Es ist alles fertig. Tu es.“ Das plötzliche Duzen fiel ihm nicht auf, er hielt nur wie betäubt den Hörer in der Hand und griff dann nach einer der anderen Waffen aus der Tasche, lud diese durch und wandte sich vom Tisch weg, ehe er stehen blieb und zurück blickte. Irgendetwas fehlte. Die Kleidung, das war klar, aber da fehlte noch etwas - die Waffe und das Geld. Wie vom Blitz getroffen, rannte Paul in Richtung des Badezimmers und trat die verschlossene Tür auf, aber niemand war in dem Raum, nur das Fenster stand speerangelweit offen.
Szene 4 – Im Flugzeug nach Amerika
„Etwas zu trinken?“ Lincoln schreckte auf und blickte die Stewardess einen Moment irritiert an, schüttelte dann jedoch den Kopf und sie wandte sich bereits an den nächsten Fluggast. „Etwas zu trinken?“ Lincoln fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und versuchte somit die letzten Nachwehen des schlechten Traumes fortzuwischen, welcher ihn bis eben geplagt hatte. Zwar war es kein wirklicher Schlaf, aber es war tief genug, dass quälende Bilder in fertig machten.
Er richtete sich leicht auf und sah auf die Uhr. Sie waren gerade erst 20 Minuten in der Luft, was bei diesem kurzen Flug fast die Hälfte war und doch fühlte er sich, als säße er schon Stunden hier. Den Rücken etwas durchstreckend, sah er mehr per Zufall über seine Schulter und erblickte somit seinen Sohn und Sofia. Er spürte es bereits, dass er am Liebsten los gebrüllt hätte, dass sie verschwinden sollten – aber das hatten sie bereits am Terminal und das hätte fast dafür gesorgt, dass sie das Flugzeug nicht betreten konnten – aber aus dem Flugzeug schmeißen, das würde er sie gerne.
Lincoln versuchte nicht weiter an sie zu denken und blickte aus dem Fenster, auf die Wolken, welche jedoch nichts von dem Trugbild, `über den Wolken, muss die Freiheit so grenzenlos sein`, hatten. Schwarz und schwer hingen sie unter ihnen und er konnte sich nur leicht ausmalen, was ihn in Amerika erwarten würde. Regen. Er freute sich aber darüber, es war besser, als die ganze Hitze. „Du kannst uns nicht ignorieren, Dad.“ Gesprochen mit der Stimme, wie es nur ein Sohn machen konnte. Absolute Unschuld und die Gewissheit, dass man sowieso recht hatte. Lincoln straffte die Schulter und winkte die Stewardess wieder ran. „Ich hätte doch gerne eine Coke.“ Sie lächelte, ging zum Wagen und brachte ihm eine. Demonstrativ ignorierend öffnete er die Dose fast direkt vor LJs Gesicht, der die Lippen zu einem kurzen Lächeln verzog, als würde er das alles wirklich kennen, und das tat er auch, er hatte es selbst früher immer und immer wieder getan. „Dad.“ Lincoln räusperte sich und griff nach dem Flugblatt, wo die Sicherheitshinweise vermerkt waren und schaute erneut demonstrativ ignorierend drauf. „Du benimmst dich wie fünf.“ LJ erhob sich wieder aus der Hocke und ging zurück zu seinem Platz, wo Sofia ihn bereits erwartungsvoll ansah.
„Und?“ – „Er bockt.“ Sie seufzte, LJ seufzte und das sorgte dafür, dass sie leicht zu lachen begannen und beide den Kopf schüttelten. „Er kriegt sich schon wieder ein.“ – „Du musst es wissen.“ Sofia war amüsierter, als sie es vielleicht sein sollte, aber dieses steckte den Jugendlichen an und sie lachten auf, was nur einen wütenden Blick von Lincoln als Antwort bekam. Nein, ihm war nicht wirklich nach Scherzen zumute und die Rolle des Beleidigten, irgendwie gefiel sie ihm, obwohl er wirklich verdammt wütend war.
Szene 5 – Ein Drugstore
Michael blickte auf das Handtuch auf dem Beifahrersitz, wo sich das Geld und die Waffe drin befanden. Es war kein Geheimnis, dass er dieser Sache von Anfang an nicht getraut hatte, nicht wirklich. Klar, er hatte keine konkreten Beweisen, wusste nichts von dem Telefongespräch, da war er mit dem Auto schon lange verschwunden, aber dennoch kam ihm die ganze Sache nicht ganz koscher vor. Michael erinnerte sich zwar an die Sache mit dem Schlüssel, wo er ihnen geholfen hatte und immerhin hatte er die Unschuld seines Bruders und Sara bekräftigt, aber dennoch war dort dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmte und vielleicht war es gut, dass Michael Scofield nie erfahren würde, wie recht er damit hatte.
Das Radio wurde eingeschaltet und es wunderte ihn nicht wirklich, dass Country Roads gespielt wurde. Er war wieder etwas außerhalb von Los Angeles, wollte nicht durch die Innenstadt fahren, denn immerhin war er noch immer ein gesuchter Verbrecher und somit mehr als auffällig, denn irgendwie hatten Leute wie er eine bestimmte Ausstrahlung oder einen bestimmten Geruch, der von jedem sofort wahrgenommen wurde. Michael seufzte leicht und stellte das Radio wieder aus. Sein Magen knurrte etwas und er brauchte noch einige Dinge, abgesehen von einem Schlafplatz. Einige Meilen entfernt sollte ein Drugstore sein und er nahm sich vor, an diesem zu halten, was zu essen zu besorgen, gewisse andere Dinge und dann einen Schlafplatz zu finden.
Knapp eine halbe Stunde später hielt der Wagen vor dem mehr als heruntergekommenen Drugstore. Es hatte irgendwie etwas Bedrückendes, etwas, das nach Gefahr roch, aber der Hunger trieb ihn an, sorgte dafür, dass er einen Teil des Geldes nahm und den Rest, wie die Waffe, in das Handschuhfach legte und dieses abschloss. Michael verließ den Wagen und betrat den Laden, nickte dem Verkäufer an dem Tresen zu, griff sich einen Korb und begann diesen mit den wichtigen Dingen zu füllen. Nahrung. Hygieneartikel. Verbandszeug. Einfach alles, was man brauchte und natürlich eine große Anzahl von Aspirin, den die Kopfschmerzen, die ihn seit knapp einer Stunde beherrschten machten ihn fast wahnsinnig.
„Kann ich Ihnen helfen, Mister?“ Michael blickte nur kurz über seine Schulter und schüttelte dann den Kopf. „Nein, alles in Ordnung. Oder warten Sie…“ Er ging auf den Verkäufer zu, stellte den Korb auf den Tresen und stützte sich mit den Händen auf diesen leicht ab. „… haben Sie ein Telefon?“ Der Verkäufer nickte zu einem Telefon neben sich, Michael lächelte und wollte gerade danach greifen. „Vier Dollar die Minute.“ Ein leichtes, verstehendes Auflachen trat über Michaels Lippen, aber dennoch griff er nach dem Telefon und wählte die Nummer von Lincolns Handy. Sollte er rangehen, würde das dem Kerl mehr als vier Dollar die Minute kosten. Aber das Telefon war aus und kurz machte sich Sorge in seiner Brust breit, ehe er die Gabel kurz runterdrückte und eine weitere Nummer wählte, aber dort ging auch niemand ran.
Michael legte wieder auf und lächelte erneut kurz den Verkäufer an. „Alles?“ Er nickte und holte einen Schein raus, den er dem Mann gab und ohne auf das Wechselgeld zu warten, den Laden wieder verließ. Die Plastiktüte in der Hand, fischte er eine Aspirinschachtel heraus und dazu eine Flasche Wasser, von welcher er einen Schluck nahm, um die Tablette herunterzuspülen. Weit und breit war nichts zu sehen und langsam überkam ihn die Müdigkeit. Michael wandte sich in Fahrtrichtung, suchte eigentlich ein Motel oder dergleichen, fand jedoch nichts. Er rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen und wandte sich wieder seinem Auto zu, als er einen Pistolenlauf unters Kinn geschlagen bekam. „Was hast du gedacht, dass du mir nur genug Geld da lässt und ich einen Verbrecher wie dich laufen lassen?“ Michael verstand im ersten Moment nicht, aber auf Grund des Schmerzes wandte er den Kopf zur Seite und sah die Fahndungsbilder an der Tür hängen und verstand jetzt sehr wohl. „Die Cops kommen gleich.“ Ja, und er würde das Kopfgeld bekommen. Bevor Michael überlegen konnte, ob und wie es einen Fluchtplan gab, hörte er bereits die Sirenen von Weitem und wusste, dass jegliche Widerwehr zwecklos war – war das nicht auch ein typischer Polizeispruch? Er blieb liegen, bis man ihn hochriss und Handschellen anlegte, ihn belehrte und auf den Polizeiwagen zuführte. Alles wie in einem Traum, musste Michael feststellen. Als wäre er ein Statist in seiner eigenen Geschichte. „Kopf einziehen.“ Er kam der Aufforderung nach und verstand dann erst wirklich, was hier passierte. Man hatte ihn festgenommen und würde ihn jetzt zurück ins Gefängnis bringen.
Der Mann blickte der Polizeieskorte hinterher und musste wirklich zugeben, dass er dieses Aufgebot an Wagen für einen einzelnen Mann, für diesen Mann, etwas übertrieben fand. Er zog an der Zigarette und blies den Rauch hinaus, bevor er nach dem Handy griff und ranging. Er lauschte der anderen Stimme, wurde jedoch von dem Drugstorebesitzer unterbrochen, der ihn anpflaumte, ob er da Wurzeln schlagen wollte. Mit einem Lächeln und einem nicht zu überhörenden russischen Akzent antwortete der Anzugträger, dass er gleich verschwunden sei und sprach ins Telefon, dass alles erledigt war. „Dann mach mit Phase zwei weiter.“
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